Holt die Gadgets in die Schule!

Den nachfolgenden Text habe ich gemeinsam mit Christina Schwalbe für den Xing-Spielraum verfasst wo er am 12.09.2014 veröffentlicht wurde.

Der Schulgong läutet. Die Schüler gehen in ihre Klasse und setzen sich auf ihre Plätze. Die Lehrerin beginnt den Unterricht. Schemenhaft lässt sich an der Wand ein Wolf erkennen. Es ist eine beschriftete Schwarz-Weiß-Kopie des Tieres, die auf eine Overheadfolie übertragen wurde. So oder ähnlich mag für viele von uns Biologieunterricht ausgesehen haben. Und wie sieht es heutzutage in Schulen aus? Der Overheadprojektor ist vielerorts durch den Beamer oder eine digitale Tafel ersetzt worden, Bilder sind nun eher farbig als schwarz-weiß und können an der digitalen Tafel direkt weiterbearbeitet oder beschriftet werden, Videos können einfacher abgespielt werden und häufig ist zumindest der Präsentationsrechner im Klassenzimmer mit dem Internet verbunden. Kurz gesagt: Die digitale Technik hat Einzug gehalten in die Klassenräume des 21. Jahrhunderts. Und das ist gut so!

Oder… – ist das gut so?

Denn wenn man einmal genau hinschaut merkt man: Es ist tatsächlich vor allem die digitale Technik, die in der Schule angekommen ist. Der digitale Alltag scheint auch weiterhin für und in Schulen kaum ein Thema zu sein. Der digitale Alltag, dass sind die digital geprägten Formen der Kommunikation, der Zusammenarbeit, ja insgesamt des Zusammenlebens, die uns in unserer Gesellschaft allgegenwärtig begegnen – sei es bei der Arbeit, bei der Kommunikation Jugendlicher in ihrer Freizeit, in der politischen Kommunikation, im Journalismus, im privaten Alltag… – nur eben eher selten in der Schule.

Die Idee, die heranwachsenden Kinder seien “Digital Natives”, also Eingeborene einer digitalen Welt und daher besonders kompetent im Umgang mit digitalen Medien, stellt sich bei genauerer Betrachtung als Illusion heraus. So lässt sich schnell feststellen, dass der Umgang mit Smartphones, Tablets und Co. zwar meist recht routiniert und ungehemmt erfolgt, von einem kritisch-reflexiven und produktiven Umgang mit diesen Möglichkeiten kann jedoch eher weniger gesprochen werden.
Es scheint sich in vielen Fällen eher um “Digital Naives” zu handeln.

Eine kritisch-reflexive Medienkompetenz wird jedoch zunehmend zur Grundvoraussetzung für eine aktive Teilhabe an der Gesellschaft. Dies setzt ein Verständnis von Medienkompetenz voraus, das eben nicht nur technische Aspekte berücksichtigt, sondern auch – unter dem Schlagwort »Social Media« etwa – die sozialen Aspekte digitaler Medien einbezieht. Die Begleitung und Förderung einer kritisch-reflexiven Auseinandersetzung mit den Herausforderungen, Chancen und Risiken digitaler Medien ist eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben, um Jugendliche auf das Leben und Arbeiten in einer von digitalen Medien durchdrungenen Gesellschaft vorzubereiten. Und es ist eine Aufgabe, die uns alle angeht: Eltern, Schulen, außerschulischen Bildungseinrichtungen, Ausbildungsbetriebe etc..

Insbesondere in der Schule ist es daher wichtig, alltägliche digitale Medien sowie aktuelle Kommunikations- und Arbeitsformen als Selbstverständlichkeit in den Schulalltag zu integrieren. Neben technischen Fragen und Fragen der Handhabung von Hard- und Software müssen Schüler und Lehrer sich gemeinsam mit Fragen der Nutzung und der Wirkungen digitaler Medien beschäftigen, zum Beispiel:

  • Vor welche Herausforderungen stellen mich die aktuellen Medien im Alltag?
  • Welche Rolle können digitale Medien für meine Lernprozesse spielen?
  • Wie kann ich mein Smartphone auch in der Schule sinnvoll einsetzen?
  • Welche Möglichkeiten entstehen beim Einsatz bestimmter Dienste?
  • Wie kann ich Medien selbst erstellen oder abwandeln und wie kann ich ggf. von ihnen beeinflusst werden?
  • Welche Gefahren drohen und wie kann ich ihnen begegnen?
  • Wie gehe ich damit um, dass ich prinzipiell permanent erreichbar bin – und dies auch von mir erwartet wird?
  • Was kann es bedeuten, wenn das Private zunehmend öffentlich wird?
  • Wie verändern sich gesellschaftliche und politische Aushandlungs- und Beteiligungsprozesse?
  • Welche Rolle spielen digitale Medien für die persönliche und die öffentliche Meinungsbildung – zusätzlich zur Berichterstattung der Massenmedien?

Woher sollen nun aber die Lehrer selber medienkompetent genug sein, um den Eingeborenen in diese digitale Welt die nötigen Kompetenzen zu vermitteln; um das Handeln der Heranwachsenden in der digitalen Welt sinnvoll begleiten zu können und Jugendlichen zu helfen, sich von “Digital Naives” zu medienkompetenten und reflektierten Jugendlichen zu entwickeln? Woher sollen sie wissen, wie man mit dem permanenten Ablenkungspotenzial umgehen soll – vor allem, wenn Handys, MP3-Player und ähnliches von der Schule ausgeschlossen werden?

Wie und wann erwerben Lehrkräfte, die seit Jahren unterrichten, die benötigten Fähigkeiten, um gemeinsam mit ihren Lernenden einen angemessenen Umgang mit der Informationsflut des Internets zu entwickeln? Um im ständigen Überangebot richtige Quellen zu finden, wenn im Unterrichtsalltag das Internet gar nicht oder meist nur eingeschränkt zur Verfügung steht? Wie sollen Lehrkräfte verstehen, was informationelle Selbstbestimmung bedeutet, wenn sie selber das Internet kaum als Lebens- und Arbeitsraum nutzen (dürfen)? Und ganz grundlegend gedacht: Woher sollen sie wissen, welche Kompetenzen überhaupt für eine von digitalen Medien geprägten Welt nötig sind und künftig sein werden?

Um die Herausforderungen der digitalen Welt zu verstehen, muss man sich selbst reflexiv mit den technischen und sozialen Gegebenheiten und Veränderungen auseinandersetzen, sich aktiv mit den Möglichkeiten digitaler Medien beschäftigen, mit ihnen leben und arbeiten. Und nicht zuletzt: man muss bereit sein, jederzeit Neues auszuprobieren.
Eine Voraussetzung, die sich mit Funktion und Tradition des Schulwesens mitunter schwer vereinbaren lässt. Wenn man als Lehrer oder Lehrerin im schulischen Alltag nur begrenzt Zugang zu den Möglichkeiten digitaler Medien hat. Wenn mobile Geräte wie Smartphones und Tablets nicht zugelassen sind. Wenn der Internetzugang verboten oder auf Computerräume beschränkt ist. Wenn Lehrkräfte an deutschen Schulen häufig noch nicht einmal einen Computer als Arbeitsgerät zur Verfügung gestellt bekommen. Wenn in den chronisch vollen Lehr- und Stundenplänen kaum Zeit für eine angemessene Auseinandersetzung mit neuen Medien bleibt.

Der Ausschluss digitaler Medien erfolgt in dieser kategorischen Form übrigens nur in der Schule. Als Begründung dienen die vermeintlichen Gefahren, die diese Medien mit sich bringen. Gefahren für den geregelten (Schul-)Alltag. Weil sich Unruhe und neue Möglichkeiten des Schummelns auftun könnten, so lauten häufig genannte Argumente. Dass womöglich die Organisation des zentralisierten Unterrichts oder Aufgabenstellungen, die sich durch eine schlichte Suchmaschinen-Anfrage beantworten lassen, ein Problem darstellen, gerät nur selten in den Blick. Und so wird billigend in Kauf genommen, dass Schülerinnen und Schüler entscheidende Dinge nicht lernen. Dinge, die sie jedoch für ihr späteres Arbeitsleben und für eine aktive und gestaltende gesellschaftliche Teilhabe dringend brauchen werden.

Erfreulicherweise gibt es aber auch Schulen, die sich trauen diesen Tabubruch zu begehen und digitale Medien nicht nur erlauben, sondern sie mit ihren vielfältigen Möglichkeiten und Herausforderungen gezielt in die Schule holen. Und dabei geht es nicht um den Beamer oder die digitale Tafel, bei deren Einsatz das Denken häufig doch in der Logik des Overheadprojektors oder des Tafelbildes aus Kreide stecken bleibt. Inzwischen gibt es einige Klassen und Schulen die z.B. Smartphone- oder Tabletprojekte initiieren und die Geräte vollverantwortlich und ohne technische Begrenzungen in den Händen der Schüler belassen. Schulen, in denen Lehrer und Schüler sich gemeinsam daran machen, die Herausforderungen digitaler Medien zu entdecken und zu analysieren und entsprechende Handlungsstrategien zu entwickeln.

Doch auch hier gibt es eine zentrale Grundvoraussetzung, die zum Gelingen derartiger Pilotprojekte beitragen kann: Es bedarf geeigneter Fortbildungen und insbesondere der nötigen Zeit für die Lehrkräfte, sich in dieses Feld einzuarbeiten und die erlangten Erkenntnisse auf dem aktuellen Stand zu halten. Schulen müssen den Lehrenden Freiräume zur Exploration digitaler Welten und zur gemeinsamen Reflexion einräumen, damit diese zu kompetenten und erfahrenen Lernbegleitern im Bereich digitaler Medien werden können. Diese zeitlichen und finanziellen Ressourcen sollten dringend zur Verfügung gestellt werden.

Langfristig gesehen kann jedoch auch diese Herangehensweise, d.h. die Integration alltäglicher Geräte und Praktiken sowie die kritische Auseinandersetzung mit den Herausforderungen, Potentialen und Gefahren digitaler Medien nur das Minimalziel sein. Generell müssen auch in der Schulentwicklung und in der Politik genau die gleichen Fragen gestellt werden: Was sind denn eigentlich die Herausforderungen unserer von digitalen Medien durchdrungenen Welt? Was heißt es z.B. für Prüfungsformen, wenn die jetzigen Aufgabenstellungen mit Hilfe des Internets gelöst werden können, ohne ein Verständnis der Inhalte entwickeln zu müssen? Welche Bildungsziele und Lehrpläne benötigen wir für die digitale Gesellschaft?

Kurz gesagt: Wenn digitale Medien in die Schule kommen, geht es nicht nur um alten Wein in neuen digitalen Schläuchen, nicht nur um die Fortführung gewohnter Lehre mit neuen Mitteln, mit neuer Technik. Die Leitfrage muss viel eher – eigentlich ganz simpel – lauten: Was sind notwendige Bildungsziele für eine digitale Welt? Und wie können diese sinnvoll erreicht werden?

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